Hutreise Jones auf den Spuren des Vueltiao

Die Reise zum Vueltiao

Dorisnel, Hutmeister aus Tuchín

Wie macht man einen Vueltiao?

Die Reise zum Vueltiao

Kolumbiens Nationalsymbol No 1 ist ein Hut. Und er ist allgegenwärtig. Nicht nur Souvenirhändler haben ihn im Programm, Kolumbianer tragen ihn auch. Logos und Schilder schmücken sich mit ihm. Ganze Restaurantdächer wurden in Hutform gebaut, Künstler widmen ihm Lieder, Gedichte und Bilder. El Vueltiao. Übersetzt: Der Gedrehte.

Trotzdem scheint es keinen so richtig zu interessieren, woher der Vueltiao kommt, wie man ihn herstellt, und was das bedeutet, was man da auf dem Kopf hat. An so richtig viele Infos zu diesem Hut kam ich anfangs nicht. Ein Scan durch verschiedene Reiseliteratur stellte sich als vollständig ergebnislos heraus.

Was eine echte Hutreise ist, kann sowas nicht hinnehmen. Was tun, wenn es keine Reiseinformationen gibt? Fragen, fragen, fragen. Genau wie im Chickenbus. Wo wird der Hut hergestellt? Wie komme ich dahin? Gibt es da Leute, die mir mehr über den Vueltiao erzählen wollen? Also machte ich mich auf die Spuren dieses schwarz-weißen Kopfkarussells. Und das war – wie sollte es anders sein – ein Abenteuer, selbstgemacht.

Der Vueltiao - in gewöhnlichen und ungewöhnlichen Designs

Der Vueltiao – in gewöhnlichen und ungewöhnlichen Designs.

Tuchín als Herkunftsort nannten mir viele Huthändler übereinstimmend. Tuchín liegt in Córdoba. Das Departamento Córdoba wird auch im Jahr 2016 noch nicht als Reiseregion empfohlen: Zu viel Drogenhandel, zu nah an Rebellen-Rückzugsgebieten.

Die Touristeninformation reagierte desinteressiert. Immerhin verschafften sie mir die Handynummer vom Guide „Duran Duran“ (echt!). An einem Straßenstand mit dem Schild „Verkaufe Minuten. 200 Pesos in alle Netze“ diktierte ich der Verkäuferin die Nummer und klemmte mir ein schmieriges Handy ans Ohr (das war übrigens der Moment, in dem ich entschied, mir ein Handy zu kaufen).

„Duran Duran am Apparat.“ Ich stellte mich vor und fragte, ob er mir etwas über Tuchín und die Vueltiaos sagen oder mich als Guide begleiten könne. „Nein, dafür gibt es keine Touren und auch keinen Guide, Mami (mit Mami und Papi redet man sich hier liebevoll an)! Aber ich kann Dir sagen, wie Du dahin kommst. Nimm einen Bus nach Sincelejo, von da ein Motorrad oder einen Bus nach San Andres. In San Andres nimmst Du ein Colectivo (Sammeltaxi) nach Tuchín. Viel Erfolg!“

Noch immer hatte ich keinen Kontakt in Tuchín und keine Ahnung, was mich in diesem Dorf erwartete. Also weiter. Zum nächsten Huthändler.

Huthändler Jhon - endlich einer, der die Hutreise versteht

Huthändler Jhon – eine große Hilfe bei der Recherche.

Der Vueltiao-Gott war schließlich gnädig und schickte mir Jhon, einen jungen Souvenirverkäufer. Jhon machte es sich zu seiner persönlichen Herausforderung, mehr Infos für mich zu bekommen. „Ja klar!“ strahlte er mich nach einigen Minuten des Herumfragens an. „Der Kaffeeverkäufer, der hier vorbeikommt, ist aus Tuchín!“ „Großartig! Und wann kommt der vorbei?“ „Das weiß man nicht.“ Also lauerten wir gemeinsam dem ahnungslosen Kaffeeverkäufer namens Omar auf.

Irgendwann am Nachmittag kam Omar vorbei. Wir bestürmten ihn mit Fragen, die der Arme gar nicht verstand. „Was wollt ihr denn in Tuchín? Die Hüte gibt es hier doch zu kaufen.“ Als Omar erkannte, dass mich das Handwerk interessiert und ich darüber schreiben möchte, erwachte sein ganzer Stolz eines Vueltiao-Flechters, der er als echter Einwohner Tuchíns natürlich war.

Omar, der Kaffeeverkäufer und Hutmacher. Neben ihm die Süßigkeitenverkäuferin, die auch mit nach Tuchín kommen wollte

Omar, der Kaffeeverkäufer und Hutmacher. Neben ihm die Süßigkeitenverkäuferin, die auch mit nach Tuchín kommen wollte.

„Ich flechte 21er (quasi das Meisterstück eines hochwertigen Vueltiaos, weitere Infos dazu unten). Und selbst meine Tochter mit ihren 8 Jahren flechtet schon 21er. Am Sonntag fahre ich nach Tuchín, dann treffen wir uns da, und ich erkläre Ihnen alles.“ So viel plötzliche Überschwänglichkeit hatte ich nicht erwartet. Aber sie gab mir einen Eindruck davon, wieviel Lokalstolz an diesem Hut hängt.

Als ich Omar einige Tage später anrief, hatten sich seine Pläne schon wieder geändert. Das ist normal in Lateinamerika. Deshalb redet man ständig miteinander, macht Termine kurzfristig aus und stellt bereits beantwortete Fragen mehrfach.

Tuchíns Hauptkreuzung mit einer Straßeninsel mit Hut, na klar

Je näher ich Tuchín komme, desto allgegenwärtiger wird der Vueltiao.

Ich fuhr trotzdem nach Tuchín. Ohne Omar, aber mit Emailbegleitung von Jhon. Der Busfahrer auf dem Weg nach Sincelejo fragte mich – mehrfach: „Was willst Du denn da, mi Amor (noch so eine liebevolle Anrede)? Dich klauen sie mir noch!“

Endlich abseits der Touri-Autobahn! In Sincelejo – einer wuseligen Provinzhauptstadt schlängelte ich mich durch unzählige Motorräder durch zu einer Straße mit unzähligen Parkplätzen mit noch viel mehr Kleinbussen. Irgendeiner von denen war meiner. Kein Problem. Jeder (oder besser: alle Leute in dieser Straße gleichzeitig) half mir, in den richtigen Bus zu steigen. San Andres, ein verstaubtes Durchgangsdörfchen in einer vertrockneten Landschaft, erschien mir dagegen echt entspannt. Von weitem brüllte man mir Tuchín entgegen (es hatte sich schon herumgesprochen, dass da eine Ausländerin nach Tuchín will). Eingestiegen in das klapprigste Modell eines Autos, das ich je gesehen habe und los ging die letzte holprige Etappe.

Schließlich war es der Colectivo-Taxifahrer beim Aussteigen, von dem ich den heißen Tipp bekam und so direkt beim großen Meister der Vueltiaos in Tuchín landete. „Hier, mein Leben (auch eine ganz normale, liebevolle Anrede), zur Familie Mendoza musst Du gehen.“ Er deutet auf ein kleines Häuschen.

Hinter diesem unauffälligen Stand verbirgt sich einer der Meister der Vueltiao-Macher.

Hinter diesem unauffälligen Stand verbirgt sich einer der Meister der Vueltiao-Macher.

Dorisnel, Hutmeister aus Tuchín

Da war ich nun! Im arch abgelegenen Tuchín.

Dorisnel Mendoza Montal beäugte mich erst kritisch. Schließlich hatten vor einigen Jahren, die Chinesen schon einmal maschinengefertigte Plagiate des Vueltiao auf den Markt gebracht (die wurden 2013 jedoch verboten). Als er aber merkte, dass ich 1. keine Ahnung und 2. aufrichtiges Interesse an dem Handwerk habe, blühte Dorisnel immer mehr auf.

Geduldig und stolz führte er mich herum. Was ich sah, war alles andere als eine Massenfertigung. Auch gab es keine Werkstatt, sondern wir liefen durch Dorisnels Wohnzimmer und Garten. Die Kinder machten gerade ihre Hausaufgaben. Der Großvater nebenan war am Flechten, die Nachbarn nähten gerade an einem Hut, die Tochter zeigte mir kurz, dass sie auch schon flechten kann. An den Wänden hingen die Fasern, mit denen geflochten wird, in allen Stadien der Vorbereitung: Getrocknetes grobes Gras, gefärbte, feine Fasern, begonnene Schnüren.

Selbst die Tochter zeigte mir kurz, wie gut (und schnell!!!) sie schon flechten kann, während der Papa die Hausaufgaben kontroliierte.

Selbst die Tochter zeigte mir kurz, wie gut (und schnell!!!) sie schon flechten kann, während der Papa die Hausaufgaben kontroliierte.

An dösenden Schweinen vorbei liefen wir zum einem Feld, auf dem die Caña Flecha (auf Deutsch Pfeilrohr) angebaut wird. Das ist ein mit dem Zuckerrohr verwandtes Gras, aus dem früher auch Pfeile und Lanzen geschnitzt wurden.

Direkt im Cana Flecha Wald zeigt Dorisnel mir, wie die Blätter geerntet und geschnitten werden.

Direkt im Cana Flecha Wald zeigt Dorisnel mir, wie die Blätter geerntet und geschnitten werden.

Die Fasern für den Hut sind traditionellerweise schwarz und weiß. In der Sonne wird das Gras weiß geblichen. Schwarz gefärbt wird es mithilfe von Lehm und einem Blatt, das sich vija nennt. „Künstliche Zutaten verwenden wir nicht“ So einen Hut herzustellen braucht einen halben bis einen Monat, weil jeder Schritt in Handarbeit – nicht beschleunigt und nicht rationalisiert – gemacht wird.

Der Grüßvater, Anastasio Mendoza, ist immernoch jeden Tag am Flechten.

Der Grüßvater, Anastasio Mendoza, ist immernoch jeden Tag am Flechten.

Das funktioniert natürlich nur, wenn der Staat maschinell hergestellte Massenprodukte verbietet. Und wenn die Kolumbianer entscheiden, dass der Vueltiao es wert ist. Nationalsymbol No 1 lässt da keine Zweifel. Ohne touristische Attraktionen und ohne heimliche kommt Dorisnel gut über die Runden. Ein Spaziergang durch das unspektakuläre Dorf zeigte aber auch, dass hier keiner reich wird mit der Vueltiao-Herstellung.

Ganze Familien flechten und nähen - wobei die Jugend zunehmend desinteressiert ist an diesem Beruf.

Ganze Familien flechten und nähen – wobei die Jugend zunehmend desinteressiert ist an diesem Beruf.

Wer weiß, vielleicht kommen Dorisnel, Duran Duran, Jhon oder der Colectivo Fahrer irgendwann auf die Idee, dass man die Touristen nach Tuchín bringen, ihnen die Herstellung zeigen und sie ihren eigenen kleinen Schlüsselanhänger flechten lassen könnte. Die Ton- und Keramik-Workshops in ganz Lateinamerika haben mit ähnlichen Programmen zum Teil echten Erfolg.

Wie macht man einen Vueltiao?

Ich fand’s spannend und halte hier mal fest, was ich über die Vueltaio-Herstellung gelernt habe:

  1. Pfeilrohr ernten, nachdem die Pflanze geblüht hat. Dann stirbt die Pflanze eh (wie beim Bambus). Es gibt drei verschiedene Sorten. Criolla gibt die besten Fasern her. Martinera und Costera sind für die groben, einfachen Hüte.
    Ernten und schleifen.

    Ernten und schleifen.

  2. Gras fein schneiden: Mit einem großen, scharfen Messer wird das Gras geschnitten und geschliffen, so dass die Textur möglichst dünn und weich ist.
    schleifen und schneiden.

    Schleifen und schneiden.

  3. Trocknen: In der Sonne wird das Gras mind. 4 Tage getrocknet und geblichen. Dann wird es auf eine Länge geschnitten und in Bündeln aufgehängt.
    Weiße Fasern
  4. Die einzelnen Blätter werden mit einem kleinen, spitzen Messer in 1-2 mm breite Fasen gesplittet. Wenn Dorisnel das macht, geht das ratzfatz.
    Splitten.

    Splitten.

  5. Ein Teil der Fasern wird gefärbt. Dazu werden die Fasern zunächst in Lehm eingelegt. Nach einer Nacht, werden sie herausgenommen und gewaschen.
    In diesem Topf wird gefärbt.

    In diesem Topf wird gefärbt.

  6. In einem Tongefäß werden die Fasern dann 4 Stunden lang zusammen mit den getrockneten Blättern der Pflanze „vija“ gekocht, um sie schwarz zu färben Das Ganze am besten zweimal, damit die Fasern richtig dunkel werden. Für andere Farben dienen andere Kräuter und Wurzeln.
    Die vija-Blätter haben es in sich. In Kombination mit Lehm färben sie schwarz.

    Die vija-Blätter haben es in sich. In Kombination mit Lehm färben sie schwarz, ansonsten rotbraun.

  7. Danach werden die Fasern anständig getrocknet.
  8. Erst wenn alle Fasern vorbereitet sind, geht das Flechten los. Je nachdem, wie fein der Hut werden soll, nimmt man 15 (der gewöhnlichste Hut) bis 23 Faserpaare, mit denen dann geflochten wird. Je nach gewünschtem Muster werden dabei die verschieden farbigen Fasern kombiniert. Im schlimmsten Fall hält man also 46 Fasern flechtend in der Hand!
    Das ist "nur" ein 15er Schnur.

    Das ist „nur“ ein 15er Schnur.

  9. Eine ewig lange Schnur wird geflochten – neue Fasern und verschiedene Muster, „Pintas“ werden dabei mit eingeflochten. Der Hut ist schließlich nicht nur dringend notweniger Sonnenschutz, sondern auch Statussymbol. Jede Familie in Tuchín hat ihre eigene Pinta. Bei den Mendozas sind es Pferde. Bei der Familie Flores werden Blumensymbole geflochten. Allein für die Schnur brauchen geübte Hände ca. 2-3 Wochen.
  10. Die Schnur wird nun mit der Nähmaschine zu einem Hut zusammengenäht. Die Kante wird verstärkt.
    Ganze Familien flechten und nähen - wobei die Jugend zunehmend desinteressiert ist an diesem Beruf.

    Und nun das Nähen

  11. Am Schluss wird der Hut mit den Händen geformt.

Fertig. Kinderleicht?

Kinderleicht? Nur, wen man das von Klein auf lernt.

Kinderleicht? Nur, wen man das von Klein auf lernt.

PS: Solltet Ihr versuchen, das nachzumachen: Vergesst es! Ihr habt erstens nicht die richtigen Materialien und zweitens – außer Melieke und Lucia – auch nicht die Fingerfertigkeit 😉

4 Kommentare zu “Hutreise Jones auf den Spuren des Vueltiao

  1. Superinteressanter Einblick! Um die Hüte kommt man in Kolumbien ja nicht vorbei, aber dass Du direkte Einblicke in die Vueltaio-Herstellung aus Tuchín mitgebracht hast, und dich nicht beirren lassen hast, ist mal etwas Außergewöhnliches. LG, Mad PS: Grandiose Fotos!

    1. Danke Mad! Tatsächlich war die Aufregung vor der Fahrt nach Tuchín viel größer als das Abenteuer an der eigentlichen Reise 😉 Viele Grüße

  2. Schon wieder so eine tolle Reportage und so schöne Fotos – vor allem, dass du Dich ganz allein auf Deine Reise da gerade durch Südamerika machst – so mutig… :)

    Liebe Grüße aus HH, Sandra

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