Medellín erfindet sich neu

Medellín verdient einen eigenen Bericht. Es ist kein Reisebericht und deshalb vielleicht etwas langweiliger. Auch die Fotos sind nicht so spannend. Aber was die Stadt in den letzten 20 Jahren geschaffen hat, kann man nur bestaunen.

Ich schwebe über San Javier. Der einst ärmste und gefährlichste Stadtteil Medellíns klemmt an einem der steilsten Hänge. Kein Fremder verirrte sich früher hierher. Der Stadtteil war sich selbst überlassen – versunken in bitterster Armut.

Und jetzt? Jetzt hebt nicht der Phönix selber ab, sondern seine Besucher. Ich sitze in einer Seilbahn und fahre Fahrstuhl quer durch das Viertel. „Wollen Sie sich nicht noch unsere tolle Bibliothek ansehen?“ fragt mich eine Polizistin aus dem Revier stolz. Einen halben Tag verbringe ich in San Javier. Angstfrei, schwer beeindruckt.

Mit Medellín verbinden wir Drogenkartelle und -kriege (besonders wer die Serie „Narcos“ gesehen hat). Wir denken an Drogenbaron Pablo Escobar, der die ganze Stadt beherrschte, an Gewalt, viele Tote. Wir denken bei Kolumbien immer an die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) – Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens. Vielleicht haben wir sogar schon mitgekriegt, dass das alles gar nicht mehr so schlimm ist in Kolumbien.

An so ein Medellín denken wir vielleicht erst einmal nicht - laut, bunt, quirlig, mit den allgegenwärtigen Botero-Skulpturen, der Hochbahn im Hintergrund und den vielen ziemlich gut gelaunten Leuten

An so ein Medellín denken wir vielleicht erst einmal nicht – laut, bunt, quirlig, mit den allgegenwärtigen Botero-Skulpturen, der Hochbahn im Hintergrund und den vielen ziemlich gut gelaunten Leuten

Letzteres ist gnadenlos untertrieben. Paisas, empört Euch! Zeigt der Welt, was ihr geschafft habt. Hamburg und andere Städte in Deutschland könnten so einiges von Euch lernen. Eigentlich gilt das Kompliment ganz Kolumbien, denn das Land hat so viel erreicht. Medellín ragt für mich dabei aber heraus. Die Stadt war im Terror versunken mit einer der höchsten Mordraten weltweit. Jede Medelliner Familie hat direkt darunter gelitten. Nicht nur Escobars Medellín Kartell tyrannisierte die Stadt. Sie war auch mitten drin in den Guerilla-Aktivitäten der FARC. Doch anstatt im Chaos zu verharren, begannen die Paisas in den 90ern die Umgestaltung ihrer Heimat. Heute stehe ich in einer modernen Stadt, die sich mit tollen Projekten, einer irren Kreativität und ganz viel Stolz voran arbeitet.

Die S-Bahn in Medellín ist eine Hochbahn

Die S-Bahn in Medellín ist eine Hochbahn

Projekt Nr 1: Öffentlicher Nahverkehr. Vor 20 Jahren wurde die Metro eingeweiht. Eine S-Bahn, die auf einer Nord-Süd- und Ost-West-Achse durch das ganze Tal führt. Mit der Zeit kamen weitere Linien dazu und im Jahr 2004 weihte Medellín ihre erste Seilbahn ein. Die war so erfolgreich, dass die nächsten folgten. Sie verbinden die prekären Randgebiete der Stadt mit dem Zentrum. Man begann außerdem Fahrradwege zu bauen, und seit dem Jahr 2012 gibt es eine Trambahn.

Das Mega-Projekt hat auch einen Namen: SITVA (Abkürzung für Sistema Integrado de Transporte del Valle de Aburrá = Integriertes Transportsystem des Aburrá-Tals, so heißt das Tal, in das sich Medellín wie ein riesiger Teppich legt, der immer noch weiter gewoben wird).

Die Seilbahn fährt mich über die Anfänge des gigantischen Teppichs am Berg bis zur Metrostation runter

Die Seilbahn fährt mich über die Anfänge des gigantischen Teppichs am Berg bis zur Metrostation runter

Und es ist nur eines von vielen Megaprojekten.

Projekt Nr. 2: In San Javier ging man noch weiter. Anstatt mit Experten in Elfenbeintürmen zu grübeln, fragte die Stadtverwaltung die Bewohner San Javiers direkt. Was könne sie tun, um die Verhältnisse in dem Viertel zu verbessern. Der populärste Vorschlag wurde direkt umgesetzt: Heute gibt es Fahrstühle die die oberen Bereiche San Javiers mit der Stadt verbinden.

Projekt Nr. 3: Mit Architektur und Bildung startete Medellín in den 2000ern ein weiteres Megaprojekt – demokratische Architektur soll die armen Bezirke in das moderne Stadtleben integrieren und Chancengerechtigkeit verbessern. Kultur als Hebel für soziale Inklusion.

Aus diesem Grund stehen in den früher schlimmsten Gegenden die schönsten Bibliotheken. Und die haben viel bieten zu bieten. Neben einer guten Bücherauswahl gibt es Computerräume, Seminar- und Teamräume, Lesezonen, Ausstellungen und alle möglichen Aktivitäten. Es sind auch nicht irgendwelche billigen Klotzbauten, sondern architektonische Besonderheiten, die etwas ausstrahlen (ob das nun immer Inklusion und Transparenz sind, sei dahingestellt).

Als ich mir die Bibliothek von San Javier ansah, sprangen gerade Pfadfinder kreischend um das Gebäude. Diese Bibliotheken leben. Und ich glaube, sie leisten einen beträchtlichen Teil zum sozialen Frieden in der Stadt.

Wenn ich da an Hamburgs versteckte Bücherhallen denke, könnte sich die Stadt bei diesem Projekt etwas abgucken.

Und auch andere Orte Medellíns werden umgestaltet. Boteros (einer der bekanntesten Künstler Kolumbiens) voluminöse Statuen werden nicht im Museum versteckt. Sie stehen mitten im Zentrum auf einem Platz. Öffentliche Mauerflächen bleiben nicht grau. Sie sind Basis für tolle Graffiti-Kunstwerke.

Abgesehen von der politischen Kunst wird nicht lange die Vergangenheit erinnert (anders als in Nicaragua, scheint mir). Warum auch? Die Friedensgespräche zwischen Präsident Santos und der FARC sind im vollen Gange und könnten doch jeden Moment scheitern. Auf Frieden gewartet haben die Kolumbianer lange genug. „Es muss ja schließlich auch vorangehen,“ sagte mir ein Taxifahrer.

Meine Airbnb-Unterkunft in Medellín war zufällig ein reines Künstlerhaus, vollgestellt mit Pianos, der Garten voller Skulpturen. Die frühere Finca gehört dem Sohn des Bildhauers Jorge Marín Vieco. Marín Vieco machte aus diesem Haus einen Ort der Interaktion für viele Künstler Medellíns. Er gestaltete damit den Raum, in dem diese Künstler sich erfanden.

Finca Salsipuedes

Finca Salsipuedes

Das Haus heißt übrigens „Salsipuedes“ – „Geh voran, wenn Du kannst“

Medellín erfindet sich neu. Räume werden geschaffen. Sie integrieren, bilden, machen stolz, bieten innovative Möglichkeiten der Interaktion. Sie geben Chancen und auch Hoffnung.

Die Stadt geht voran – Hut ab!

Medellín bei Nacht von Salsipedes aus beobachtet

Medellín bei Nacht von Salsipedes aus beobachtet

 

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