Zweites Hutabenteuer: Aguadas macht sich zurecht

Der Weg

3 Fragen an Monterrey

Aguadas

Der Weg
„Nach Aguadas fährst Du aber nicht!“ sagte mir Guillermo, ein kolumbianischer Expat in Panama. „Die Gegend ist noch unsicher und die Straße extrem schlecht. Te me van a robar.“ Das hatte ich doch schon einmal gehört. „Natüüürlich nicht, Guillermo.“

Allein, ganz Kolumbien redet vom Aguadeño und meint damit den anderen tollen Hut, den man hier trägt. Aguadeño ist ein Stil aber vor allem eine Qualitätsauszeichnung. Den kann ich doch auf dieser Tour nicht links liegen lassen.

Auf zum alten Handwerk! Eine Hutpresse wie aus dem Bilderbuch

Auf zum Handwerk! Eine Hutpresse wie aus dem Bilderbuch. Sie gibt den Hüten ihre Form.

Meine Recherche (fragen, fragen, fragen) führte mich zunächst in Medellín zur „Distribuidora Nacional de Sombreros“. „Dinalsom“ ist ein altehrwürdiges Familienunternehmen, Hersteller und Händler von Hüten. Sie hat eine eigene Marke – „Monterrey“ – macht aber ebenso viel im Auftragsarbeit für Modelabels. Marketingkoordinator Byron und seine Kollegen hatten gerade viel zu tun. Bestellungen aus Bogotá, México und den USA warteten. Trotzdem nahmen sie sich die Zeit mich herumzuführen. Die Strohstumpen, also die fertig geflochtenen aber noch nicht geformten und verzierten Hüte, werden im Haus der Distribuidora finalisiert, mit einem Label versehen und verpackt.

Drei Fragen an Byron López von der Distribuidora Nacional de Sombreros – „Monterrey“
 

Hutreise: „Sag mal ehrlich Byron, Euer Unternehmen gibt es jetzt schon seit drei Generationen. Das Hutgeschäft hat sich doch bestimmt wahnsinnig verändert? Ich sehe jedenfalls nur noch wenige Hüte auf der Straße.

Byron: „Ja, das stimmt. Wir haben uns dem Geschäft angepasst. Früher gab es uns nur in Medellín. Das hat gereicht. Jetzt sind wir in mehreren Städten Kolumbiens und wir exportieren international. Momentan nimmt die Nachfrage sogar wieder etwas zu. Mit dem ganzen Thema Klimawandel suchen die Leute besseren Sonnenschutz und kommen auf den Hut. Das ist natürlich nicht mehr so sehr eine Stilfrage – so wie man früher zu jedem Anzug den passenden Hut trug. Aber der Aguadeño zum Beispiel ist ein echter Allrounder und unser Besteller.

Hutreise: „Was ist ein Aguadeño und kommt er aus immer aus Aguadas?“

Byron: „Ein Aguadeño ist fast so wie ein Panama Hut. Er wird aus demselben Material (Paja Toquilla, hier nennen wir es Iraca) geflochten, und die Formen sind ganz ähnlich. Geklaut ist er nicht. Seit es Hüte in Lateinamerika gibt, machen die Einwohner Aguadas, die Aguadeños, diesen Stil. Und ja, sie sind die Mütter und Väter des Aguadeño. Die Bezeichung ist heute aber vor allem ein Qualitätsmerkmal. Wir beziehen auch noch aus einigen weiteren Orten. Aber wenn du nach Aguadas fährst, siehst Du mit eigenen Augen, dass die Stadt voll Hut ist.“

Hutreise: „Kann ich dorthin fahren? Ist es sicher?“

Byron: „(lacht) Ja, man wird Dich nicht klauen. Aber nimm Dir Zeit für die Reise. Der Weg ist lang und beschwerlich.“

Gracias, Byron!

Aguadas
Leichter gesagt als getan: Meine Zeit wird knapp und Aguadas liegt tatsächlich am Ende der Welt, fernab von geteerten Strecken. Letzter Tipp meines Host Salsipuedes (Geh voran, wenn Du kannst!): Sieh zu, dass Du im Bus weit vorne sitzt, damit Du von der Schotterpiste nicht seekrank wirst.“

Also machte ich mich auf den Weg

Dass ich in Aguadas nicht nur bemerkenswerte Hutmacher, sondern auch den freundlichsten Ort meiner ganzen bisherigen Reise finden würde, wusste ja keiner.

Die Krawatte, die der Busfahrer gar nicht erst anzog, zeigt einen der Winkel der Schüttelfahrt an, der Staub den Rest

Die Krawatte, die der Busfahrer gar nicht erst anzog, zeigt einen der Winkel der Schüttelfahrt an, der Staub den Rest. Die Fahrt war es wert!

Nach 4 Stunden Cumbia-Schüttel-Fahrten in verschiedenen Bussen (vom – nebenbei wunderschönen – abgeschiedenen Örtchen Jardín aus) fiel ich mit Sack und Pack mitten auf eine Plaza. 4 riesige Nadelbäume, bunte Kolonialbauten und eine fantastische Kirche. Strahlender Sonnenschein auf fast 3000m Höhe. Ich war in einem richtig schönen Bergstädtchen gelandet. Ein paar Passanten blieben stehen, lächelten mich an und bestaunten meinen Rucksack.

„Wo möchten Sie hin? Soll ich Ihren Koffer tragen?“ fragte mich ein älterer Herr. Ich bedankte mich überrascht und flüchtete in ein Café.

„Herzlich willkommen. Was kann ich Ihnen bringen, Señora? Sie wünschen Kaffee und Maracujasaft? Zusammen? Das ist ungesund. Wo wollen Sie hin? Hüte? Ja, die haben wir hier. Schauen Sie mal im Nationalen Hutmuseum vorbei. Oder bei Dona Danila. Wünschen Sie noch einen Schluck Kaffee?“ Ich polierte mein Spanisch auf, so gut es ging. Hier waren Höflichkeitsformen im Gebrauch, die ich das letzte Mal in Guatemala gehört hatte. Wer noch im Großstadt-Modus unterwegs ist, stolpert so unbeholfen durch diese Manieren wie ein Viehhirte durch die Orang-Utan Aufzuchtstation.

hoch über Kolumbien schwebt Aguadas - hoch über Aguadas hängt diese Schaukel - Fantastischer Blick, schreckliche Höhenangst ;)

hoch über Kolumbien schwebt Aguadas – hoch über Aguadas hängt diese Schaukel – Fantastischer Blick, schreckliche Höhenangst ;)

Meinen großen Rucksack ließ ich glücklich in der Obhut der Cafébesitzerin und stapfte, naja schleichte (bei der Höhe merkt man jeden Schritt bergauf) los. Was würde mich in einem „nationalen“ Hutmuseum einer Bergstadt fernab jeglicher Reiserouten erwarten? Und warum sind alle hier so auffällig freundlich?

Ich hatte gleich 4 Guides + Cesar, der mir auf dem Berg geduldig die Namen der umliegenden Dörfer aufsagte

Ich hatte gleich 4 Guides + Cesar, der 1. das Foto von uns Dorfschönheiten machte und 2. mir auf dem Berg Monserrate geduldig die Namen der umliegenden Dörfer aufsagte

Größtes Hutreise-Glück war, dass gerade der allererste Ausbildungsjahrgang „Tourismus“ in Aguadas Praktikum machte. An allen Attraktionen des Ortes wimmelte es von jungen Leuten in grünen Westen. Touristen sah ich keine. Und so stürzte Natalia mir strahlend im Hutmuseum entgegen. „Herzlich willkommen im Nationalen Hutmuseum Aguadas. Ich führe Sie heute durch unsere Sammlung.“ Stolz und hochkonzentriert auf ihren Text öffnete Natalya eine Tür nach der nächsten in einem schönen Altbau mit vielen vielen Räumen. Hinter jeder Tür warteten noch mehr Hüte. Eine Sammlung aus aller Welt war irgendwie den weiten Weg hinauf nach Aguadas geraten. Hier werden die Stücke gehegt und gepflegt.

Im Nationalen Hutmuseum gibt es Ausstellungsstücke aus aller Welt - nur nicht aus Deutschland

Im Nationalen Hutmuseum gibt es Ausstellungsstücke aus aller Welt – nur nicht aus Deutschland.

Übrigens: Es fehlt noch ein Exemplar aus Deutschland. Ich nominiere hiermit die Schwarzwälder, sich auf die Wollsocken zu machen und einen Bollenhut nach Aguadas zu bringen. Kontakte gibt’s bei mir.

Was mich am meisten interessierte, waren natürlich nicht die Museumsstücke. Aber Natalya führte mich zunächst durch das Dorf, auf einen Berg und zu ihren Mitschülerinnen. Ich sollte Aguadas richtig kennen lernen. Irgendwann liefen also 4 Mädels in grünen Westen und eine Touristin mit Hut kreuz und quer durch Aguadas, bewunderten koloniale Holzbalkone, bemalte Treppen und den grandiosen Ausblick über die Berglandschaft.

Ich lernte Dona Danila kennen, die seit 37 Jahren Hüte flechtet. Und Don Jorge führte mich durch sein Haus, wo er tausende Strohstumpen pro Jahr weiterverarbeitet. Byron hat recht: Aguadas Ist voll von Hüten. Auch jetzt noch. Während es zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem Männer hauptberuflich flechteten, verschob sich die Aufgabe gleichzeitig mit dem Rückgang der Produktion auf die Frauen. Um genug zu verdienen, war wieder Feldarbeit angesagt, und das ist in Kolumbien nun einmal Schwerstarbeit für die Kerle. Die Frauen lernten das Flechten. Und nun sind die großen Meister des Aguadeño Meisterinnen. An seiner Qualität hat sich jedenfalls nichts verändert, wie das Museum beweist.

Doña Danila - am Flechten in ihrem Hauseingang. Das macht sie schon seit 37 Jahren.

Doña Danila – am Flechten in ihrem Hauseingang. Das macht sie schon seit 37 Jahren.

Unterschiede zum Panama Hut sah ich im Flechtmuster. Der Panama Hut fängt mit einem geflochtenen Kreis an, der Aguadeño mit einem Kreuz. Qualitätsunterschiede? Kommt darauf an.  Es gibt Panama Hüte, die so fein gewoben sind, dass sie den Rest der Hutwelt weit hinter sich lassen. Im Vergleich guter Standardprodukte, scheint mir der Aguadeño allenfalls etwas fester zu sein.

Aber der direkte Vergleich gestaltet sich schwer. Zwischen dem Aguadeño und dem Panama liegen zwei Flüge, zwei lange Busreisen und ein Tagesausflug an die Küste Ecuadors.

Die grünwestigen Mädels und Dona Danila sagen stolz: Unsere Hüte sind die besten in Kolumbien. Und wer nicht nach Aguadas kommt, um sich am freundlichsten Ort der Welt den freundlichsten Gastgebern zu überlassen, verpasst was. Aguadas jedenfalls hat sich zurecht gemacht und ist bereit für viel Besuch!

Ich verpasste fast den Bus, weil ich mich mit Natalia, Alejandra, Mariana und Yolanda verquatscht hatte. Zurück durch den Staub, die Schlaglöcher, die abgenutzte Cumbia-CD des Busfahrers, die bei jedem Schlag wieder an den Anfangssong zurückspringt. Wäre ich doch noch ein bisschen länger geblieben…

 

2 Kommentare zu “Zweites Hutabenteuer: Aguadas macht sich zurecht

    1. Am besten fahren Sie hin, nehmen einen Hut für das Museum und vor allem einen Gleitschirm mit. Die gibt es da bisher noch nicht. Bei der Höhe von 2500m kann man dort bestimmt schön und sehr lange fliegen 😉 Der nächste Gleitschirmflugexperte wohnt in Jardín.

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