Palmstroh duftet, Esel sind stärker als Regen und Ecuadors Herz ist ein Hut

Ja, ich gebe es zu. Ich bin nicht neutral (hat das überhaupt jemand von mir gedacht?). Nicht nur mein neuer Reisebegleiter – ein toller Panama Hut – sondern auch die schöne Zeit in Guayaquil und Umgebung, die total nette Gesellschaft von Andrea und Ecua Andino Hats und die gemeinsame Reise entlang der kompletten Herstellungskette eines Panama Hutes (quer durch Manabí) lassen mich begeistert weiterziehen. Aber was kann denn ein Panama Hutfan anderes tun, als sich über die Gesellschaft Gleichgesinnter freuen?

Mein neuer Reisebegleiter - passt perfekt zur Hängematte ;)

Mein neuer Reisebegleiter – passt perfekt zur Hängematte ;)

Themawechsel: Stellt Euch vor, Bier hieße nicht Bier, sondern Schweizer, oder Osterreicher. Wir würden uns täglich ärgern, dass die Welt unser Nationalgetränk nicht mit uns, sondern mit einem Nachbarland verbindet.

Gebetsmühlenartig wiederholt es sich einem, wenn man in Ecuador über Hüte spricht. Der Panama Hut kommt aus Ecuador und nicht aus Panama. Die feinsten Strohhüte der Welt entstehen in diesem Land. In Panama waren zur richtigen Zeit das Geld, der Kanal und die berühmten Persönlichkeiten. Ecuador aber hat die Kunst. Und keiner merkt’s. Genau das ist die Seele Ecuadors: Ein kleines, schönes und unbedeutendes Land, das darum kämpft, mehr zu sein als Galapagos und Bananen. Die großen Hutmeister in Ecuador leben in kleinen Häuschen in unscheinbaren Dörfern. Sie verdienen wenig Geld. Immer wieder müssen sie erklären, wie man einen Panama Hut macht, damit man sie und ihre Arbeit anerkennt. Damit ein paarmal nicht die günstige maschinenproduzierte Ware gekauft wird.

Was heißt es eigentlich, einen Panama Hut zu weben? Harte wochen- bis monatelange Handarbeit. Nix Maschine

Was heißt es eigentlich, einen Panama Hut zu weben? Harte wochen- bis monatelange Handarbeit. Nix Maschine

Der blitzblanke, bunte Showroom von EcuaAndino Hats lässt es nicht vermuten: Die Herstellung eines Panama Hutes ist zu 100% Handarbeit. Selbst das Palmstroh (Paja Toquilla) wird per Hand geerntet und in kleinen Fuhren weiter transportiert. Auf Eselskarren wird zurückgegriffen, wenn das Wetter wieder einmal verrücktspielt, wenn die Pickups nicht bis zum Feld kommen.

Diese beiden Herren aus der Schweiz und Costa Rica haben ihre Liebe für den Panama Hut entdeckt - und sich von mir überzeugen lassen: am besten hat Mann zu jedem Outfit den passenden Hut.

Diese beiden Herren aus der Schweiz und Costa Rica haben ihre Liebe für den Panama Hut entdeckt – und sich von mir überzeugen lassen: am besten hat Mann zu jedem Outfit den passenden Hut.

Draußen regnet es Bindfäden, was ich im schwülheißen Guayaquil eigentlich ganz erfrischend finde. Aber die Menge macht‘s. Die letzten Tage waren kaum trockener. Erste Lieferungen verzögern sich.

Ein bisschen von den Effekten des Klimawandels und der schwierigen Mittlerposition erahne ich, als ich im Büro der Damen von Ecua Andino Hats stehe, die die Aufträge an die Hutweber weiterleiten. Die zu Kooperativen zusammen geschlossenen Hutweber nehmen die Bestellungen an und liefern – so gut es eben geht – die gewünschten Modelle zu einem gewünschten Datum.

Auch wenn das Lager paradiesisch voll aussieht: Die Lieferung der gewünschten Modelle just in time klappt bei Handarbeit eben nicht immer

Auch wenn das Lager paradiesisch voll aussieht: Die Lieferung der gewünschten Modelle just in time klappt bei Handarbeit eben nicht immer. Mich jedenfalls müsste man nur in das Lager stellen. Ich finde dort immer etwas.

Mit der Lieferung an die Kunden kommt EcuaAndino Hats manchmal – so wie jetzt – nicht hinterher, weil die Ware fehlt. Aus verschiedensten Gründen haben die Hutweber es dann nicht geschafft, rechtzeitig zu liefern. Bei so einer Verzögerung müssen einerseits die Kunden vertröstet werden. Andererseits heißt es Nachhaken, Alternativen finden. „Dass ein Panama Hut nicht von der Maschine ausgespuckt wird, verstehen viele nicht. Die Handarbeit aber hängt von vielen Faktoren ab, von denen das Wetter nur einer ist,“ erklären mir Andreas Kolleginnen aus dem Bestellungsteam. Doch glücklicherweise wächst das Geschäft. Im vergangenen Jahr ware es über 200.000 Hüte.

Was aber tun, wenn Dürre herrscht und die Palme schlecht wächst? Oder wenn es tagelang in Strömen regnet und das Stroh beim Trocknen verfault?

Andrea Lecaro, Fashionbloggerin „Aleech“ und ich mach uns auf den Weg und sehen uns die Lage an.

Unterwegs mit zwei Profis in Sachen Social Media.

Unterwegs mit zwei Profis in Sachen Social Media und in Sachen Hut.

In der Cooperativa Teresita Esperanza in Santa Elena herrscht angespannte Stimmung. Wir betreten eine große gut ausgestattete Trockenhalle. Doch der Regen hat so viel bereits vorbereitetes Palmstroh verschimmeln lassen, dass die Frauen und Männer ganze Arbeitswochen verloren. Außerdem kommt man bei dem Matschsumpf, in den sich die Wege verwandelt haben (geteert sind nur die Hauptstraßen), kaum von A nach B. Die Damen der Kooperative fordern mit Nachdruck geeignetes Schuhwerk. Also nimmt Andrea die Schuhgrößen auf; Teresa: 34, Margarita 35, Maxsimiliano 38… „Wir wollen keine Gummistiefel. Das ist was für die Männer. Wir Frauen laufen schnell, wir brauchen nicht ganz so hohe Schuhe,“ erklärt die Sprecherin der Kooperative.

Schuhgrößen für Stiefel - Teresita Esperanza sagen dem Matsch den Kampf an

Schuhgrößen für Stiefel – Teresita Esperanza sagen dem Matsch den Kampf an.

Aber was genau machen die flinken Damen und die fast so flinken Herren der Kooperative?

Die unbearbeiteten Palmblätter kaufen sie von denjenigen ein, die die Palmen anbauen. Ich erinnere an den Eselskarren. Die armen Esel waren in diesen Tagen im Dauereinsatz.

Ähnlich wie beim Vueltaio schneiden die Frauen und Männer das Palmstroh zunächst in Streifen. Sie sondern die grünen Fasern für den Dachbau aus und kochen die hellgelben Fasern einige Stunden. Danach kommen die Bündel auf Wäscheleinen. Wenn es im Trocknungsprozess regnet, wird es heikel. Es gibt zwar Trocknungshallen, doch die reichen für die Strohmenge nicht aus.

Überall wird gekocht und getrocknet.

Überall wird gekocht und getrocknet.

Nach dem Trocknen wird gefärbt oder geweißt, je nachdem welche Modelle in nächster Zeit geflochten werden. „Das Weißen ist ungesund, weil wir das Stoh zum Weißen über einem Feuer mit Schwefel rösten,“ erzählt mir Teresa, eine zierliche alte Dame. Dafür haben wir geschlossene Räume. Für alle anderen Farben dient ein riesiger Topf.

Die fertigen Fasern gehen dann an die Hutweber weiter. Entweder kaufen diese die Fasern ein, oder sie sind Teil einer Kooperative.

Je nachdem, in welcher Qualität geflochten wird, teilen die Hutweber, das Stroh in noch feinere Fasern. Erst dann geht das Weben los: Stehend, mit der Brust über einem spannenden Konstrukt gebeugt, das sich aus Pfosten, mehreren Böcken und dem Hutanfang zusammensetzt, beginnt der Hutweberer die Arbeit. Das kann Tage, Wochen oder Monate dauern, je nachdem in welcher Qualität der Hut gewoben wird.

so macht man einen richtig feinen Panama Hut.

So macht man einen richtig feinen Panama Hut.

Die feinsten Hüte, die ich unterwegs fand, haben über 30 „Knoten“ pro Quadratmilimeter. Ein einheitliches Bewertungssystem für Panama Hüte gibt es allerdings nicht. Mit Lupe überprüfen Fachleute ihre Qualität. Bei bloßem Auge werden sie geflochten. Wie das geht, verstehe ich auch nach stundenlanger Beobachtung nicht.

Probiert es einmal aus: Setzt Euch mit einer handvoll Stroh hin und flechtet auf einen Quadratmilimeter 50 Knoten. Wenn Ihr das schafft, gebe ich Euch den Kontakt von Herrn Espinal, der sich ganz bestimmt mal mit Euch austauschen möchte. Simón Espinal ist momentan der inoffizielle Weltrekordhalter. Er wohnt mit seiner Familie in dem Dörfchen Pile bei Montecristi. Simóns Vater Senóvio, 73 Jahre alt, flechtet noch immer Hüte von der feinsten Sorte. Aber nur 8 Stunden am Tag. Die übrige Zeit des Tages arbeitet er auf dem Feld. Ausrufungszeichen!

Auch vor Mikroskopen müsste sich Senovio Espinal nicht fürchten. Respekt vor diesem Mann!

Auch vor Mikroskopen müsste sich Senóvio Espinal nicht fürchten. Respekt vor diesem Mann!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *