Home Run Peru. Was hat sich in 15 Jahren geändert?

  1. Chachapoyas
  2. Colca
  3. Wahlen

 

Vor 15 Jahren reiste ich schon einmal durch Peru. Wie das klingt! Was bin ich alt!

Damals erlebte ich das Land etwas anders als heute. Nicht nur wegen meines Alters! JA, ich gebe zu: Es reisen erstaunlich viele Kinder und beim letzten Ruinenbesuch war ich die Älteste.

Einiges hat sich jedoch wirklich geändert. Einiges ist erstaunlich gleichgeblieben. Ich nehme Euch mit zu ein paar Orten und Ereignissen, die mir am besten in Erinnerung geblieben sind.

Die gewaltige Festung der Chachapoyas "Kuélap" ist auch heute noch entspannt ruhig. Sie war ein religiöses Zentrum und Zuhause des Adels

Die gewaltige Festung der Chachapoyas, „Kuélap“, ist auch heute noch entspannt ruhig. Sie war ein religiöses Zentrum und Zuhause des Adels hoch oben auf einem Gipfel. Sie wird vielleicht ein zweites Machu Picchu.

  1. Chachapoyas

Karsten, mein Reisegefährte von damals, erinnerst Du Dich noch an den alten Herren in seinem riesigen dunkelroten Poncho, der uns als einzige Besucher durch die Ruinen von Kuélap führte? Gabriel gibt es noch! Und er arbeitet noch immer dort als Beschützer dieser fantastischen Ruinen. Ich war so aus dem Häuschen, ihn wiederzusehen, dass ich vergaß, ein Foto zu machen.

Abgesehen von Gabriel hat sich einiges getan in Kuélap. Die Ruinen liegen weit abseits. Zum einen weit abseits der Touri-Hauptroute, die kaum so weit in den Norden des Landes führt. Zum anderen auch von der nächsten Stadt. Von Chachapoyas aus fährt man 2-3 Stunden beschwerliche Schotterpiste auf einen Berg. Und dass sich diese Tour mehr als lohnt, weiß man eben erst hinterher.

Damals mussten wir einen Taxifahrer geradezu überreden, uns die Berge hoch nach Kuélap zu bringen. Im Nebel kamen wir auf dem Gipfel an und standen plötzlich vor riesigen uralten Mauern, umrankt von Nebelwald. Gabriel saß davor und empfing uns mit dieser typischen Chachapoyas-Mischung aus Reserviertheit und Liebenswürdigkeit.

Ich war dieses Mal bei weitem nicht die Einzige, die durch die Anlage kletterte. Mittlerweile kutschieren unzählige Touranbieter Neugierige nach Kuélap. Am Eingangsbereich gibt es jetzt ein kleines Museum, Toiletten und eine riesige Baustelle. Man investiert. Um genauer zu sein: Eine französische Firma baut hier eine gigantische Seilbahn. Die soll über 4 Kilometer die beschwerliche Fahrt zu einem großen Teil ersetzen. Wenn ich an die vielen Erdrutsche denke, die meine Fahrtzeit nach Chachapoyas verdoppelt hatten, wird mir angst und bange. Aber was weiß ich schon von Seilbahnen.

Eine Straße und eine Seilbahn werden hier herauf führen.

Eine Straße und eine Seilbahn werden hier herauf führen. Mindestens die Seilbahn kann ich mir momentan nur schwer vorstellen.

Auf der anderen Seite des Berges wird zusätzlich eine neue Straße gebaut, die die Fahrtzeit halbieren wird. Das Ganze wird laut Plan noch im Jahr 2016 fertiggestellt. Und dann heißt es „Rette sich, wer kann!“ für die Lamas, die in den Ruinen zuhause sind. Dann kommen die Heerscharen, die momentan Cusco und Machu Picchu (über-)bevölkern. So jedenfalls erhofft es sich die Region. Angesichts der spektakulären Anlage hoch oben in den Wolken sind das sicherlich zwei vielversprechende Projekte. Sie werden aber die Gegend verändern und aus dem entspannten Städtchen Chachapoyas eine kleine Hochburg à la Cusco machen.

Lauf Kuélap-Lama, lauf!

Lauf Kuélap-Lama, lauf!

 

2. Colca

Im Colca Canyon ist das, was Kuélap und Chachapoyas bevorsteht, schon lange Realität. Eine große Gruppe an Touristen, die selbst in der Nebensaison erstaunlich auffallen, bereist eine Region, die schon allein wegen ihrer Geographie begrenzt Platz bietet. Der versteckte Colca Canyon ist neben Kuélap einer meiner Lieblingsorte in Peru, denn seine Landschaft ist atemberaubend. Heute genauso wie vor 15 Jahren.

Satt sehen kann man sich an den Lichtspielen im Colca Tal nicht.

Satt sehen kann man sich an den Lichtspielen im Colca Tal kaum.

Doch einige Orte haben an Charakter verloren. Die kleine Oase Sangalle tief unten im Canyon hat sich in einer Hotelanlage verwandelt. Bäume wurden gefällt, Pools gebaut und Hütten zum Übernachten aneinandergereiht. Ich lief an einem Tag hinunter und auch wieder hinauf nach Cabanaconde. Während der Mittagshitze hatte ich genügend Zeit, mit den Betreibern der Hütten zu quatschen. Klar sei der Tourismus ein Segen für die Region, doch in der Hochsaison stehe man immer wieder kurz vor dem Kollaps. Die Zahl der Touristen zu begrenzen (ähnlich wie in Machu Picchu) wäre eine Lösung. Doch die Autonomiebehörde der Region interessiere das herzlich wenig. Jeder Tourist, der den Canyon bereist, bezahlt eine Art Kurtaxe von ca. 20 Euro.

Der Blick von der Oase im Tal den Berg hinauf ist nich immer spektakulär, doch diese Oase bestand mal aus Wald.

Der Blick von der Oase im Tal den Berg hinauf ist nich immer spektakulär, doch diese Oase bestand mal aus Wald.

Vor 15 Jahren, waren Ugo aus Israel, Matt aus England und Jan aus Dänemark die einzigen Touristen, denen ich dort begegnete. Wir kamen bei einer Familie unter und brachten unser eigenes Essen mit. Ebenso wie in Chachapoyas wird im Colca Tal nun einiges deutlich professioneller und gewinnbringender organisiert. Und das ist gut für alle Beteiligten. Wären wir Touristen nur nicht so viele…als Wiederkehrende werde ich das Gefühl nicht los, weniger an die Menschen „heran zu kommen“. Statt der neugierigen Offenheit begegne ich reservierter Höflichkeit.

Perfekt gestylt in traditioneller Kleidung, höflich und distanziert - Zwei Colca-Damen am Aussichtspunkt "Cruz del Condor"

Perfekt gestylt in traditioneller Kleidung, höflich und distanziert – Zwei Colca-Damen am Aussichtspunkt „Cruz del Condor“

 

  1. Präsidentschaftswahlen

Keine Touristenattraktion aber eine total lebendige Erinnerung. Damals wurde gerade Toledo zum ersten indigenen Präsidenten Perus gewählt. Als die Stimmenauszählung keine Zweifel mehr zuließ, füllten sich die Straßen und Plätze mit euphorisch Feiernden. Toledo betrat eine Bühne in Lima und mit dem gigantischen Jubel schwappte diese Freude auch auf mich über. Toledo sollte Peru aus seinem Korruptionssumpf befreien. Doch dazu hätte er wie ein Münchhausen an seinem eigenen Schopf ziehen müssen.

Auch mitten im Nirgendwo findet Wahlkampf statt. Ob es wohl Geld dafür gibt, das man seine Hauswand dafür zur Verfügung stellt?

Auch mitten im Nirgendwo findet Wahlkampf statt. Ob es wohl Geld dafür gibt, das man seine Hauswand zur Verfügung stellt?

Im April, in ca. 2 Wochen stehen die nächsten Präsidentschaftswahlen an. Jedes zweite Haus ist bemalt mit dem Slogan und den Farben einer der antretenden Parteien. Auf den meisten Häusern sehe ich die Weiß-Orange-Schwarz-Kombi mit dem Namen „Keiko“. Hinter Keiko verbirgt sich die Tochter des früheren Präsidenten Fujimori, der nach einigen Korruptionsskandalen nun im Gefängnis ist. Wer die anderen Kandidaten sind, weiß man noch nicht so genau. Immer wieder werden neue Skandale aufgetischt, immer wieder Kandidaten aus der Wahlkampagne gezogen. Auch Keiko droht dieses Schicksal. Sie habe Geld verschenkt, und das ist während der Kampagne streng verboten.

Eine winzige Wahldemo für einen der einst 19 Kandidaten für das Präsidentenamt.

Eine winzige Wahldemo für einen der einst 19 Kandidaten für das Präsidentenamt.

Und die Bürger Perus? Sie winken ab. Alle, wirklich ALLE, mit denen ich sprach, sehen den Wahlen hoffnungslos entgegen. „Es gibt keine gute Wahl. Keiner der Kandidaten hat mein Vertrauen. Gäbe es nicht die Wahlpflicht in Peru, würde ich nicht hingehen.“ So oft hörte ich solche Aussagen, quer durch verschiedenste Schichten, dass ich mich schon fast nicht mehr zu fragen traute. Winzige Grüppchen veranstalten Wahldemos, doch keinen interessiert’s.

Auch Paulina sieht die wahlen kritisch. Da Wahlpflicht hat, sitzt sie im Bus neben mir auf dem Weg von ihrem Elternhaus zu ihrem Wohnsitz.

Auch Paulina sieht die Wahlen kritisch. Da Wahlpflicht herrscht, sitzt sie im Bus neben mir auf dem Weg von ihrem Elternhaus zu ihrem Wohnsitz.

„Dieses Land hat so viel,“ erklärt mir eine vornehme Sängerin in Puno. Wunderschöne Landschaften, viele Ressourcen, Erdgas, Tourismus und auch ein wenig verarbeitende Industrie. „Aber wir haben einfach nicht das in der Hose, was wir brauchen, um die Veränderung anzupacken.“

Für mich hat sich eine Menge verändert. Aber ich befinde mich auch nur im Mikrokosmos Tourismus.

Zum Schluss: Das klingt alles ziemlich kritisch. Peru fühlte sich für mich wie ein Home Run an. Ich kenne mich ein bisschen aus und kann vergleichen. Aber das ist erstens sehr subjektiv und zweitens viel strenger als mein Bestaunen der anderen Länder. Peru ist ein tolles Land, das unendlich viel zu bieten hat, und das seine Touristen gut behandelt. Ich finde das Land schön und spannend – solange man mich nicht in die Tourizone um Cusco sperrt 😉

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