Wegsein

Nachhausekommen ist toll! Manchmal ist es schwerer als Wegsein – auch wenn ich nicht in Wirklichkeit als Nomade (ob digital oder analog oder sonstwas) lebe, sondern eben nur in niedrigprozentiger Teilzeit. In Wirklichkeit habe ich ein Zuhause, das fest an einen Ort gekoppelt ist. In Wirklichkeit schwingt mein soziales Netz wie eine Hängematte unter mir und nicht als virtuelle Crowd durch den Aether. Und das ist großartig!

Ich wollte so viel mitbringen von der Reise: Einen riesigen Berg an Entspanntheit und Widerstandsfähigkeit gegen jegliche Arten von Stress. Dieser Berg passte kaum in den Rucksack. Ich hatte hunderte Geschichten gesammelt und liebevoll verpackt. In aller Ruhe wollte ich zuhause ankommen, auspacken, erzählen und genießen, all die lieben Leute wieder in der Nähe zu haben.

Zurücklehnen und Geschichten erzählen? Manchmal

Zurücklehnen und Geschichten erzählen? Manchmal

Doch dann machte ich mir selber einen Strich durch die Rechnung. So viele Veränderungen marschierten in dem Moment an, in dem ich meinen Rucksack vom Fließband hievte. Darin steckten nämlich neben all dem guten Mut ein paar Entscheidungen. Schöne und schwere Entscheidungen warteten auf Ihre Umsetzung. Und auch in good old Hamburg hatte sich vieles getan. In einem Affenzahn hat sich mein Arbeitsplatz verändert. Freunde hatten Kinder bekommen, andere zogen gerade um. Beziehungen gingen zu Ende, neue begannen.

Dabei war ich nur drei Monate weg. Und jetzt seit 6 Wochen schon wieder da. Zeit! Kannst Du einmal bitte anhalten, damit ich wenigsten zum Freuen Luft holen kann?

Jeder hat Geschichten zu erzählen, egal ob er/sie reist oder nicht. Lauter Abenteuer, Neuanfänge, Begegnungen passieren, wenn ich auch nur ein wenig die Augen öffne. Das hatte ich ja gerade erst gelernt. Und es spielt überhaupt keine Rolle, ob ich eine Hutreise durch Lateinamerika mache, eine Safari nach Malawi oder zuhause ohne Scheuklappen lebe.

Würde ich es trotzdem wieder tun und den Rückwärts-Kulturschock riskieren?

Ja. Würde ich. Immer wieder. Allein oder im Team. Ich falte meine halb zerrissene Zettelsammlung auseinander und beginne zu entziffern, was ich vor ein paar Wochen schrieb. Da hatte ich diesen Artikel angefangen –  mangels Strom und leerer Seiten im Notizbuch auf irgendwelchen Tickets und Ausweiskopien. Das ist mein Abschied, meine minikleine Revue von der Hutreise:

„Du bist allein unterwegs? Warum das denn? Hast Du gar keine Angst?“ Mindestens einmal täglich beantwortete ich diese Fragenkombi. Manchmal lachend, manchmal genervt, manchmal auf Autobeantwortung geschaltet. Manchmal auch mit der Gegenfrage: „Sollte ich hier denn Angst haben?“ „Neeeiiiin! Aqui es sano!“ Hier sei die Welt heil.

Hatte ich Angst? Nein. Aber manchmal Wut über dieses Bild von Frauen, die ohne Männer nichts Ganzes, also „allein“ sind. Nachdem die beiden Argentinierinnen in Montanitas ermordet worden waren, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Dann traf ich eine 92-jährige Dame in Guayaquil, die mir mitgab: Zum Heiraten haste noch Zeit genug. Partnerin sein kannste noch Dein ganzes Leben. Genieße Deine Freiheit und schere Dich einen Dreck um das, was die Mehrheit sagt und denkt. Donnerwetter!

Es macht mich auch jetzt wütend, das schreiben zu müssen, doch bei aller Scheißegal-Ihr-Machos-könnt-mir-mal-de-Buckel-runterrutschen-Haltung habe ich natürlich andere Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, als ich es in Hamburg tun würde. Nach 20 Uhr gab es für mich auf den Straßen einfach nichts mehr zu suchen. Gespräche mit Männern beendete ich, sobald die Herren zu neugierig wurden.

Zur Einsilbigkeit gab es meistens jedoch keinen Grund. Alles war Gesprächsanfang. Wir, Lateinamerika und ich, unterhielten uns ständig. Wir brummten mit im allgemeinen Bienenstocksummen und es blieb selten beim Aushandeln des Preises für eine Taxifahrt. Im Bus, im Café, auf dem Markt, im Park wird ständig geratscht. Wir hatten uns einfach zu viel zu erzählen.

In einer Kantina lernt sich Mexispanisch am besten: Ohren gespitzt und dale!

Gequatscht wird eigentlich immer.

Mein Spanisch habe ich dazu ständig gebraucht und zum Glück auch aufpolieren können. Wer Englisch spricht, bleibt auf der Lonely Planet Touri-Autobahn, die durch den Kontinent führt. Ich nenne die Route „Autobahn“, weil sie selbstverständlich gut ausgebaut (Infrastruktur) am weißesten Strand, am höchsten Berg, am tiefsten Dschungel, an den versunkenen Ruinen, am spitzesten Vulkan und dem größten Souvenirmarkt vorbeiführt. Man reist von Hostel zu Hostel, vergleicht Preise und Frühstücke. Man lernt die hippe Bar kennen, entscheidet sich zwischen Canopy, Rafting und Fahrradtouren durch Mega-Cities. Man lernt coole Traveller kennen, die seit 3 Jahren durch die Lande radeln. Oder Segler, die ausgestiegen sind. Man tauscht sich zu den heißesten Geheimtipps aus, die lange keine mehr sind.

Und es bleibt stumm. Verzeiht meine eindeutige Meinung zur Autobahn: Ich finde sie auf Dauer langweilig. Wer mitsummen will, braucht Spanisch unbedingt! Wer allein unterwegs ist, braucht es noch viel mehr!

Mit Leuten zu sprechen war für mich das Wichtigste! Die Entscheidung, meiner Reise ein Thema zu geben, kam aus genau diesem einen Grund. Die Hüte führten mich an Orte und zu Menschen, die ich sonst kaum kennen gelernt hätte. Es hätten auch Schuhe, Vögel oder Schildkröten sein können. Oder die Zubereitung von Bohnen. Die Recherche hat mich auf andere Routen gebracht. Die Autobahn kreuzte ich zwar immer wieder. Aber den größten Spaß gab’s auf den Schleichwegen!

Ziemlich demütig gucke ich zurück auf all diese Menschen, die meinen Urlaub – einfach so – zu einer fantastischen Reise machten. Ziemlich dankbar ziehe ich den Hut vor all der Hilfe, den guten Ratschlägen, der Geduld und der erstaunlichen Offenheit, die mir ÜBERALL begegneten. Ziemlich glücklich komme ich jetzt – nach 6 Wochen – in meiner heimatlichen Hängematte an, die meine Familie und meine Freunde für mich halten.

DANKE! Ihr seid toll!

Hasta pronto!

Mein neuer Reisebegleiter - passt perfekt zur Hängematte ;)

Mein neuer Reisebegleiter – passt perfekt zur Hängematte ;)

Ein Kommentar zu “Wegsein

  1. Hach …. so schön geschrieben. Ein bisschen wehmütig, aber auch wieder so toll zu lesen. Reisen ist schon was feines und schreiben auch. Lesen ebenso – mach weiter, bitte schreib weiter über irgendwas tolles 😉

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